Der Morgen gehört den Salteñas
Der Tag in Sucre beginnt mit einem Klassiker der bolivianischen Esskultur:
Salteñas, halbmondförmige Teigtaschen mit saftiger Füllung aus Fleisch,
Oliven und Brühe, die man mit einer bestimmten Technik isst, damit nichts
verloren geht. In den Patios der Stadt gehört das Ritual zum Vormittag.
Wo Bolivien unterschrieben wurde
Im Saal der Casa de la Libertad, einst Hörsaal der Jesuitenuniversität,
erklärten die Abgeordneten der oberperuanischen Provinzen die
Unabhängigkeit des neuen Staates. Originaldokument, frühe Nationalflaggen
und ein zu Lebzeiten entstandenes Porträt Simón Bolívars füllen die Räume.
Zwischen dunklem Gestühl und hohen Fenstern lässt sich die Nervosität
jener Sitzung förmlich nachfühlen.
Jacaranda über der Plaza
Die Plaza 25 de Mayo ist eine der harmonischsten Anlagen des Kontinents:
Palmen, blühende Jacaranda-Bäume, weiße Arkaden, Bänke im Schatten.
Studenten, Schuhputzer und Verkäuferinnen mit Fruchtkörben teilen sich den
Raum.
Stimmen und Farben des Mercado Central
Der Mercado Central öffnet den Blick auf die Landwirtschaft eines ganzen
Hochtals. In der Obstabteilung türmen sich Chirimoyas und Maracujas aus
den Yungas, daneben stapeln sich Kartoffelsorten in Braun-, Violett- und
Gelbtönen, für die es im Deutschen keine Namen gibt. An den Saftständen
sitzen die Marktfrauen hinter Reihen von Gläsern und rufen ihre Mischungen
aus.
Im Kreuzgang der alten Universität
Die Universität San Francisco Xavier zählt zu den frühesten
Hochschulgründungen Amerikas; in ihren Hörsälen wurden die Ideen der
Aufklärung diskutiert, lange bevor die Unabhängigkeitsbewegung Gestalt
annahm. Der Kreuzgang mit seinen doppelgeschossigen Arkaden zeigt die
Stadt von ihrer nachdenklichen Seite.
Marmor unter Zypressen
Der Friedhof von Sucre ist als Gartenanlage angelegt: Alleen aus
geschnittenen Zypressen, Rosenrabatten, Mausoleen wohlhabender Familien
mit Säulenportalen und Engelsfiguren aus Carrara-Marmor. Dazwischen liegen
schlichte Nischenwände, an denen Angehörige Blumen wechseln.
Eisen, Parkbänke und Justitia
Der kleine Rundgang führt über die Plaza Libertad in den Bolívar-Park mit
seinen alten Bäumen, Springbrunnen und einem eisernen Aussichtsturm, der
dem Pariser Vorbild nachempfunden ist. Gleich dahinter erhebt sich der
Justizpalast, Sitz des obersten Gerichts und Beleg dafür, dass Sucre die
verfassungsmäßige Hauptstadt geblieben ist.
Röcke, Rasseln, Trommeln
Am Abend füllt sich die Bühne mit Tanzgruppen, die das kulturelle Mosaik
Boliviens vorführen: die stampfende Diablada aus dem Bergbaumilieu, der
kämpferische Tinku, die kraftvollen Caporales mit ihren Schellenstiefeln.
Kostüme, Masken und Rhythmen erzählen von Andenmythen, kolonialer
Erfahrung und einem Selbstbewusstsein, das sich in Bewegung übersetzt.